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Eigentlich ist Bestare Kicaj, 33, überaus freundlich. Doch wenn die gelernte Pflegerin, die Teilzeit als Spitex arbeitet, in den sogenannten Käfig steigt, tickt sie aus. Dort mutiert das 157 Zentimeter kleine Kraftpaket zum beast, zur aggressiven Kampfmaschine, prügelt, kickt und würgt seine Gegnerinnen, bis sie k. o. gehen oder aufgeben.

Bestare Kicaj betreibt, als eine von nur zwei Schweizerinnen, professionell Mixed Martial Arts (MMA), eine Kombination verschiedener Kampfsportarten. Seit 2016 gewann die albanischstämmige Schweizerin drei von fünf Profi-Kämpfen. Im Free Fight – ohne Kopfschutz und mit nur leicht gepolsterten Boxhandschuhen – ist fast alles erlaubt. Fürs Fernsehen gilt der Sport als zu brutal. Kicaj widerspricht, es sei «gar nicht so schlimm».


Weltwoche: Frau Kicaj, wie wächst ein Mädchen auf, das im Käfig kämpft? 

Bestare Kicaj: Ich war immer sehr bubenhaft. Mit meinen zwei Brüdern kämpfte ich viel. Zwar spielerisch, aber wir gingen schon recht aufeinander los.

Weltwoche: Waren Sie stärker?

Kicaj: Ja, als der Jüngere schon, der Ältere dominierte mich. Beide machten Karate, das wollte ich auch. Ich war acht – und recht giftig. Ich kämpfte vor allem gegen grössere Buben. Einmal stand ich zuoberst auf dem Podest, war aber kleiner als die beiden, die ich besiegt hatte.

Weltwoche: Nach Karate, wie kamen Sie zum Kampf im Käfig?

Kicaj: Ich betrieb Kampfsport immer aus Leidenschaft. 2012 hatte ich dann ein Tief, meine Beziehung ging kaputt, und auch sonst kippte alles. Zu diesem Zeitpunkt ging ich erstmals in ein Mixed-Martial-Arts-Training, das verschiedene Kampfkünste kombiniert. Das Neue war die Kehrtwende und glich mich aus.

Weltwoche: Wie wurden Sie Profi?

Kicaj: Ich musste mich beweisen, kämpfte mal hier, mal da. Ich machte viele Bodenkämpfe, wurde sogar Europameisterin. Im Käfig stach ich als besonders aggressive Amateurin heraus, als Kämpferin, die einen Schalter im Kopf völlig umlegen kann und voll loslegt – das ist für Frauen speziell, für Veranstalter aber attraktiv. Als ich für einen Profi-Kampf angefragt wurde, sagte ich sofort zu.

Weltwoche: Es heisst ja, das männliche Wesen sei aggressiver. Stimmt das?

Kicaj: Nein. Ich kenne viele Frauen, die wirklich sehr aggressiv sind. Es gibt auch häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer. Darüber wird einfach weniger gesprochen. Eine Frau, die geschlagen wird, macht vielleicht aber auch schneller eine Anzeige als ein Mann. Im Kern, denke ich, hat Aggressivität mit dem mindset zu tun. Entscheidend ist, wer man ist und wie und wo man aufwächst.

Weltwoche: Wie aggro sind Sie im Alltag?

Kicaj: (Lacht) Ich bin ein lieber Mensch, das kann mein Umfeld bestätigen. Wenn ich kämpfe, bin ich in meinem Game, dann will ich meine Gegnerin dominieren.

Weltwoche: Was sagen Ihre Arbeitskollegen, wenn Sie mit einem blauen Auge antanzen?

Kicaj: Am Anfang fragten viele: «Wie siehst denn du aus?» Mit den kleinen Handschuhen muss ich aber auch nur leicht getroffen werden und sehe schon unschön aus.

Weltwoche: Sie untertreiben: MMA-Fighter sind nach Kämpfen total entstellt. Das Gesicht ist blutüberströmt.

Kicaj: Ich muss von Glück sprechen, dass ich den Käfig noch nie so verlassen musste. Aber es stimmt, ich hatte schon überall blaue Flecken oder ein fettes blaues Auge, dazu Beulen. Wenn ich mich so sehe, sage ich selber: «O mein Gott, wie siehst du denn wieder aus?»

Weltwoche: Wie reagiert Ihre Mutter?

Kicaj: Für meine Eltern ist es schwer, mich nach Kämpfen anzuschauen. Ich glaube aber, sie haben sich daran gewöhnt. Und nach zwei Wochen sehe ich wieder ganz normal aus. Dann ist alles verheilt. Klar bleiben Narben, aber Brüche oder schwere innere Verletzungen hatte ich noch nie. Bei mir ist es nur oberflächlich, während die armen Fussballer drei bis sechs Monate ausfallen, wenn sie sich verletzen.

Weltwoche: Sie sagen, Ihr Brutalo-Sport ist gar nicht so schlimm?

Kicaj: Ja, klar. Ich behaupte sogar, Free Fight ist weniger gefährlich als Fussball oder Skifahren. Ich höre immer, mein Sport sei krank – aber hey, ich stand mal oberhalb einer Abfahrtspiste. Ich fragte mich, wie man da überhaupt runterfetzen kann. Das ist ja kriminell!

Weltwoche: Wie ist es, wenn Sie kämpfen? Spüren Sie Schmerzen?

Kicaj: Nein, aber diese Frage habe ich mir auch gestellt, bevor ich das erste Mal einen MMA-Kampf bestritt. Ich hatte nie zuvor mit fast ungepolsterten Boxhandschuhen gekämpft, bevor ich ins cage kam. Ich dachte: Wenn ich Schläge schon im Training spüre, muss das im echten Kampf wahnsinnig sein. Dann bekam ich einen wirklich guten Haken, gleich zu Beginn. Ich merkte, wie ich reflexartig zurückwich, es aber gar nicht weh tat – mein Körper ist dann so voller Adrenalin. Mich stört zwar das Blut, das aus der Nase fliesst, aber ich spüre keine Schmerzen.

Weltwoche: Wenn Sie im Käfig sind, Frau gegen Frau: Was geht Ihnen durch den Kopf?

Kicaj: Gar nichts, dann passiert alles automatisch, so, wie ich es im Training einstudiert habe. Die Vorbereitung ist viel schlimmer. Vor dem Kampf sitze ich in der Garderobe und denke mir: «Besti, warum tust du dir das nur an?» Ich komme richtig auf den Psycho. Wenn dann mein Lied läuft und ich einlaufe, verfliegt alles. Dann bin ich frei, ohne Nervosität, und mein Körper macht einfach. Wie in Trance realisiere ich, wie meine Gegnerin ausholt, ich einen Schlag bekomme, dann aber vorrücke und zurückschlage. Der Kampf ist wie Schach.

Weltwoche: Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihren Gegnerinnen?

Kicaj: Früher wollte ich sie einfach nur schlagen, als Person. Heute sehe ich Kämpferinnen als Gegnerinnen. An ihnen will ich das, was ich im Training einstudiert habe, ausprobieren.

Weltwoche: Braucht es Hass, um erfolgreich kämpfen zu können?

Kicaj: Nein, aber ich finde meine Gegnerinnen schon nicht lässig. Sie wollen mich ja verprügeln. Ich respektiere sie, bin freundlich zu ihnen. Früher war das aber anders. Damals wollte ich ihnen Angst machen.

Weltwoche: Und Sie, haben Sie Angst?

Kicaj: Immer, in jedem Kampf. Und sie wird nicht kleiner. Je älter ich werde, desto mehr überlege ich mir, was passieren könnte.

Weltwoche: Vor was genau fürchten Sie sich?

Kicaj: Vor der Enttäuschung, die Leistung nicht zu erbringen, auf die ich hinarbeitete.

Weltwoche: Wie steht es um Mitleid, wenn Sie eine Gegnerin blutig schlagen?

Kicaj: Im Moment selber habe ich kein Mitleid, im Nachhinein aber schon.

Weltwoche: Wann tut Ihnen eine Kämpferin leid?

Kicaj: Bei einem meiner ersten Profi-Kämpfe durfte ich gegen eine gute Gegnerin antreten, in Deutschland. Ich weiss noch, ich war der totale Underdog. In der letzten Runde gab ich ihr aber ein paar schlimme Ellbogen. Ich sass auf ihr und schlug voll zu, ziemlich lange. Ich dachte, der Schiedsrichter soll bitte endlich dazwischengehen, weil ich ihr nicht noch mehr weh machen wollte. So geschah es dann. Als ich im Nachhinein das Video sah, tat sie mir mega leid. In der Garderobe sah ich auch, wie ich sie zugerichtet hatte. Wir umarmten uns dann.

Weltwoche: Was ist das für ein Gefühl, wenn jemand k. o. geht?

Kicaj: Eine Riesenerleichterung. Die ganze Anspannung fällt ab.Wenn ich gewinne, muss ich in der Garderobe weinen oder sogar erbrechen. Dieses Gefühl ist derart intensiv.

Weltwoche: Was ist das Schlimmste, was Ihnen im Ring passieren kann?

Kicaj: Wenn ich mich hilflos fühle. In Japan etwa, vor 15 000 Zuschauern, hatte mich meine Gegnerin nach drei Minuten im Würgegriff. Ich versuchte, die Situation auszublenden, war aber schon violett im Gesicht. Sie zwang mich aufzugeben. Das war so erniedrigend.

Weltwoche: Vielleicht zum Schluss: Würden Sie gegen einen Mann antreten?

Kicaj: In meiner Gewichtsklasse schon, ja.

Weltwoche: Hätten Sie eine Chance?

Kicaj: Wenn ich technisch besser bin, dann -sicher. Wenn nicht, no chance. Für eine Frau habe ich viel Kraft, sehr viel sogar, aber ein Mann ist kräftiger, da kann ich nicht mithalten.

Weltwoche: Hatten Sie ausserhalb des Rings schon einmal einen Kampf?

Kicaj: Nein, noch nie. Der Kampfsport -bietet mir einen Ausgleich, sonst neige ich nicht zu Aggressionen.

Weltwoche: Verstehen Sie, wenn jemand zuschlägt?

Kicaj: Es kommt darauf an. Wer mit Gewalt aufwächst, kennt nichts anderes – so jemand tut mir leid. Solche Leute hatten wir auch schon im Training. Sie lernen Disziplin, Teamgeist, können Dampf ablassen. Mir sagt mein Trainer auch manchmal: «Da, der Boxsack, lass erst alles raus.» Danach geht es mir wieder gut.

Roman Zeller, Reporter bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will 😉 Herzlichen Dank!

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