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Veröffentlicht in „Die Weltwoche“, 5. November 2020

Der Funke will noch nicht so recht springen zwischen den Schweizern und Granit Xhaka. In den zehn Jahren, in denen er für die Nationalmannschaft spielt, waren seine «zwei Herzen» oftmals ein grösseres Thema als seine überragenden Leistungen auf dem Platz. Xhaka ist albanischstämmiger Schweizer. Als er vor zwei Jahren im WM-Spiel gegen Serbien jubelnd den Doppeladler zeigte, das albanische Wappentier, löste er eine landesweite Debatte aus und brachte es auch auf die Titelseite der Weltwoche.

Seit Ende August ist Granit Xhaka, 28, Captain der Schweizer Nationalmannschaft. Wir erreichen den Arsenal-Legionär per Videoanruf, während er gemütlich zu Hause in London sitzt. Das Wetter ist düster, nicht so Xhakas Gemüt. Gutgelaunt und offen spricht er über sein Leben und sein Ziel, als Schweizer Identifikationsfigur akzeptiert zu werden.

Weltwoche: Herr Xhaka, Sie sind Captain der Schweizer Fussballnationalmannschaft. Was sind Ihre Führungsprinzipien?

Xhaka: Ich will mit meiner Erfahrung führen. Auf dem Platz bin ich der Seriöse, einer, der die Spieler mitziehen will. Neben dem Platz sehe ich mich weniger als Captain, sondern eher als Lausbuben. Ich weiss, wenn’s gilt, aber ich weiss auch, wenn es einen Witz verträgt.

Weltwoche: Wie reissen Sie das Steuer herum, wenn es der Mannschaft, wenn es Ihnen selber nicht läuft?

Xhaka: Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren. Als Team, aber auch selber. Es kommt vor, dass ich einen Spieler rausnehme und sage: «Hey, heute ist nicht mein Tag, hilf mir bitte mehr als sonst.» Dann weiss er, was zu tun ist. Das sind Kleinigkeiten, aber entscheidende.

Weltwoche: Wenn das Stadion kocht, alle gegen einen sind – wie schaffen Sie es, trotzdem ruhig zu bleiben?

Xhaka: Ich schaffe es nicht immer, das muss ich zugeben. Es jetzt ein Jahr her, dass mich 60 000 Leute im eigenen Stadion auspfiffen.

Weltwoche: Sie sprechen vom Skandal im Spiel mit Arsenal gegen Crystal Palace. Bei Ihrer Auswechslung, als Captain, applaudierten die eigenen Fans, und Sie gestikulierten dann gegen sie.

Xhaka: Genau. In so einer Situation macht man dann eine Geste, die man später bereut. Wir sind alles Menschen. Irgendwann kommt jeder an seine Grenzen. Mit dem Alter wurde ich reifer, aber auch Training ist wichtig. Ich arbeite viel mit meinem Mentaltrainer.

Weltwoche: Über die Jahre spielten Sie gegen alles, was im Weltfussball Rang und Namen hat. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie jemals spielten?

Xhaka: Vielleicht Xabi Alonso. Als er zu Bayern wechselte, war ich bei Gladbach. Seine Spielintelligenz, seine Passqualität, wie viel er nach vorne, hinten, links, rechts schaut, das war zum Geniessen – auch als Gegenspieler.

Weltwoche: Nur die Ehrgeizigsten erreichen dieses Niveau im Fussball. Was war ausschlaggebend dafür, dass Ihr Weg auf die höchste Stufe führte?

Xhaka: Wenn man mit siebzehn in die erste Mannschaft kommt, geniesst man das. Dabei ist es bloss das Talent. Das merkt man mit der Zeit. Mit 23, 24 Jahren sah ich die Achtzehnjährigen, die hochkommen, und dachte mir: «Gopfertammi, der frisst mich auf, wenn ich nicht mehr mache!» Das heisst, man muss arbeiten, immer mehr. Talent alleine nützt irgendwann nichts mehr.

Weltwoche: Wie waren Sie als Kind? Ihre Eltern kamen 1990 aus dem Kosovo in die Schweiz. Was hat Sie entscheidend geprägt?

Xhaka: Meine Eltern, sie waren immer Vorbilder für mich. Sie kamen mit vielleicht tausend Franken in die Schweiz und arbeiteten von Anfang an. Mein Vater als Gärtner, meine Mutter war Packerin in einer Thomy-Fabrik. Sie machten das alles für uns, weil sie wollten, dass es uns Kindern gutgeht.

Weltwoche: Welche Werte waren wichtig? Wie wurden Sie erzogen?

Xhaka: Ganz normal, wie jedes andere Kind auch. Wir spielten immer im Park und gingen in die Schule. Anstand und vor allem Respekt waren Schlüsselwörter bei uns und sind es bis heute. Ob dir ein älterer oder jüngerer Mensch gegenübersteht, spielt keine Rolle. Wir lernten, alle gleichzubehandeln.

Weltwoche: Wie wurden Sie Fussballer?

Xhaka: Ich wurde gezwungen. (Lacht) Meine Eltern schickten uns, mich und meinen Bruder, ins Fussball, damit wir keine Dummheiten anstellten. Sie arbeiteten ja von morgens bis abends. Nach der Schule gingen wir dann am Abend ins Training. Sie wollten uns nicht auf der Strasse, nicht in der Nähe von Alkohol und Drogen sehen.

Weltwoche: Sprechen wir über das Land, aus dem Ihre Eltern stammen. Wie denken Sie über Albanien und das Kosovo?

Xhaka: Nach dem Krieg brauchte alles seine Zeit. Ich durfte das Heimatland meiner Eltern erstmals mit zwölf sehen, seither besuchen wir jedes Jahr im Sommer unsere Familie. Meine Onkel, Cousins und Tanten leben alle im Kosovo. Von da kommt mein Bezug: Es ist das Land meiner Eltern, mein Blut. Das kann mir niemand wegnehmen.

Weltwoche: Wie hat der schreckliche Balkankrieg Sie und Ihre Familie geprägt?

Xhaka: Mein Vater war aus politischen Gründen dreieinhalb Jahre im Gefängnis. Je älter ich werde, desto mehr erfahre ich vom Krieg, vom Land, von der Mentalität. Selber habe ich ja nichts mitbekommen, ich war viel zu jung.

Weltwoche: An der WM 2018 in Russland waren Sie nach dem Match Schweiz gegen Serbien mittendrin in einer hitzigen politischen Debatte. Sie zeigten im Spiel den albanischen Doppeladler. Wie sehen Sie diese Episode rückblickend?

Xhaka: Ich machte mir sehr viele Gedanken, weil mich die Reaktionen beschäftigten. Meiner Ansicht nach wurde die Geste anders aufgenommen, als sie tatsächlich gemeint war. Es wurde übertrieben, wenn ich ehrlich bin. Den Doppeladler zu zeigen, bedeutet nicht, dass man gegen die Schweiz ist oder gegen andere Länder. Das war eine Reaktion aus dem Affekt. Sie war nicht geplant. Während des Spiels waren so viele Emotionen in mir drin, das kam dann alles raus.

Weltwoche: Waren dieser Match und die unglaubliche Emotionalität die schwierigste Situation in Ihrer Profikarriere?

Xhaka: Es war eine der schwierigsten, sicher. Das schwierigste Spiel aber war an der EM 2016, als ich meinem Bruder gegenüberstand.

Weltwoche: Die Schweiz gegen Albanien, Granit gegen Taulant Xhaka. Was war an dieser Affiche spezieller?

Xhaka: Der Druck von aussen, der Druck der Schweizer, aber auch derjenige von albanischer Seite. Es hagelte Meinungen und Fragen: Wieso spielt der eine hier und der andere dort? Warum nicht auf der gleichen Seite? Ich konnte es nicht mehr hören. Ich sagte zu meinem Bruder: «Hör zu, wir treten auf, wie sich das im Fussball gehört: professionell, hart – und am Schluss sind wir wieder Brüder.» Und so war es dann auch.

Weltwoche: Wenn Sie gefragt werden, woher Sie kommen, was sagen Sie?

Xhaka: Ich sage immer, mein Blut ist albanisch, aber ich bin Schweizer. Meine Heimat ist die Schweiz, und das wird immer so sein, das ist Fakt. Hier bin ich geboren, und hier bin ich aufgewachsen.

Weltwoche: Was für Vorteile haben Sie, beide Nationen, Albanien und die Schweiz, im Herzen zu tragen?

Xhaka: Vielleicht fragen Sie eher, was das für Nachteile bringt.

Weltwoche: Welche?

Xhaka: Viele Schweizer sagen, dass ich keiner von ihnen sei, wenn ich mich als Schweizer bezeichne. Und die Albaner sagen das Gleiche, wenn ich sage, ich sei Albaner.

Weltwoche: Wie antworten Sie als Captain den kritischen Schweizern?

Xhaka: Klar, wegen dem, was vor zwei Jahren gegen Serbien geschah, haben einige Leute ein anderes Bild von mir. Und das zu Recht. Aber ich kann Ihnen sagen, jeder, der dieses Leibchen mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust trägt, ist brutal stolz – auch ich. Es ist nicht selbstverständlich, für die Schweiz zu spielen. Für dieses Land etwas zu erreichen, ihm etwas zurückzugeben, ist besonders – gerade für mich mit meiner Geschichte. Ich werde alles geben, um das falsche Bild von mir zu ändern. Das kommt natürlich nicht von heute auf morgen, aber ich bin überzeugt, es wird kommen.

Weltwoche: Sie sind einer der erfolgreichsten Schweizer Profifussballer und gleichzeitig Vater einer einjährigen Tochter. Was hat hat sich durch die Geburt Ihres Kindes für Sie verändert. Erzählen Sie von Ihrem Alltag.

Xhaka: Ich stehe auf jeden Fall früher auf als vorher. (Lacht) Dann esse ich mit meiner Frau und der Kleinen Frühstück, gehe ins Training und geniesse danach den Nachmittag mit meiner Tochter, bis sie schläft. Eigentlich ist jeder Tag gleich. Wir gehen viel spazieren. Meine Tochter kann schon laufen, die ersten Schritte machte sie mit zehn Monaten.

Weltwoche: Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Xhaka: Gesundheit für meine Familie und alle Leute, die ich kenne. Das ist das A und O. Hoffentlich sind wir bald zu viert, das ist mein Wunsch. Unserer Tochter wünsche ich, dass sie mit einem Geschwister aufwächst.

Roman Zeller, Reporter bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will 😉 Herzlichen Dank!

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