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Veröffentlicht in „Die Weltwoche“, 10. Februar 2021

In der Nacht auf Montag ereignete sich in Amerika ein Wunder: Der 43-jährige Quarterback Tom Brady gewann mit den Tampa Bay Buccaneers seinen 7. Super Bowl. Im Final bodigten Bradys Buccaneers den Titelverteidiger und haushohen Favoriten Kansas City Chiefs.

Altmeister Brady schreibt damit Sportgeschichte: Kein Football-Spieler gewann öfter den Super Bowl, niemand war dabei älter als der «GOAT», der «Greatest of All Time». Und der 43-Jährige wirkt kein bisschen müde, obwohl Football eine Verschleiss-Sportart ist.

Zur Einordnung: Eine Profikarriere dauert in den USA durchschnittlich etwas mehr als drei Jahre. Spielmacher, wie Brady einer ist, halten rund vier Jahre durch, weil sie, als Herz der Mannschaft, beschützt werden. Tom Brady beendete am Sonntag seine 21. Saison.

Bis neun Liter Elektrolyt-Wasser

Wer es vor zwanzig Jahren prophezeit hätte, hätte als verrückt gegolten. Als Spieler an der University of Michigan stach Brady noch nicht einmal heraus. Im Scouting-Bericht von 2000 steht, er habe «schlechte körperliche Voraussetzungen», sei dünn und schmal.

Trotzdem entschieden sich die New England Patriots aus Boston für den 23-Jährigen und drafteten ihn als 199. Spieler in der sechsten Runde. Das heisst aber auch, dass ihn jedes Team der National Football League sechsmal ablehnte. Eine Kränkung, die Brady in einem Interview Tränen in die Augen treten liess.

Für die Patriots entpuppte sich der junge Quarterback als Glücksgriff. Gleich in seiner ersten Saison gewann er den Super Bowl. 2003 und 2004 wiederholte er das Kunststück.

Dann begannen ihn Entzündungen zu plagen. Brady lernte Alex Guerrero kennen. Massageartig behandelt Guerrero seither Bradys Tiefenmuskulatur, die dieser abwechselnd kontrahiert und entspannt. Dies soll helfen, Angriffe auf den Körper abzufedern, was die Widerstandskraft fördert.

Zusammen entwickelten die beiden ein System, das Bradys Körper lang- statt kurzfristig stärkt. Brady stellte sein Leben um und richtete es in jedem Detail auf den Sport aus. Seine Philosophie, die «TB12-Methode», beschreibt er im gleichnamigen Lifestyle-Buch. Sie umfasst zwölf Prinzipien – ein Verweis auf seine Trikotnummer – und reicht von Ernährung über Workouts bis zu Mentaltraining und Schlafpraktiken. Heute führe er einen «Lebensstil voller Vitalität», heisst es.

Dazu gehört, nach dem Aufstehen um sechs Uhr morgens sofort ein Glas Wasser zu trinken, das mit Elektrolyten angereichert ist, um ausgeschwitzte Mineralstoffe zu ersetzen. Von dieser Mischung trinkt Brady, über den Tag verteilt, rund viereinhalb Liter, an sehr sportlichen Tagen sind es sechs bis neun.

Beim Familienfrühstück genehmigt er sich einen Smoothie, ein Frappé aus Blaubeeren, einer Banane, Samen und Nüssen. Danach trainiert er statt mit Gewichten vorwiegend mit Bändern, Rollen und dem Eigengewicht. Und um seine Muskeln nach dem Workout mit Eiweiss zu versorgen, trinkt er einen Mandelmilch-Protein-Shake – maximal zwanzig Minuten später. Nach der «beach time» analysiert Brady Football-Spiele. Gegen den Hunger zwischendurch isst er Snacks, stets unbehandelt, immer vegan, gern auch Avocado-Eis. Das Mittagessen besteht aus Fisch und viel Gemüse, die meisten Produkte sind basisch, nur 20 Prozent sind sauer. Alles, was er isst, ist bio und stammt aus der Region.

Wenig Poulet

Vor Spielen wählt Brady ein Sandwich mit Mandelbutter und Marmelade. Anders als früher verzichtet er heute auf Fastfood, Zucker, Fette. Kaffee mag er sowieso nicht. Alkohol konsumiert er wenig, «von Zeit zu Zeit ein Bier».

Am Nachmittag trainiert Brady mit dem Team. Davor aber knetet ihm sein Guerrero die Muskeln geschmeidig. Nach dem Training erfolgt die gleiche Prozedur. Am Abend isst Brady wenig Poulet und erneut viel Gemüse. Auf Nachtschattengewächse verzichtet er. Kartoffeln oder Tomaten sind tabu. Danach geht’s wieder zur Videoanalyse.

Als Bradys Kinder noch klein waren, las er ihnen noch vor, bevor er – wie heute – um neun Uhr ins Bett ging. Sein Schlafzimmer ist auf 18,5 Grad Celsius temperiert. Er schläft in biokeramischer Schlafbekleidung, um sich optimal zu regenerieren; sogar die Bettwäsche ist aus diesem Material. Und dass Ehefrau Gisele Bündchen, ein brasilianisches Model für Dessous, keine Handys neben dem Bett will, kommt Brady gerade recht. Das fördere den Schlaf.

Was esoterisch anmutet, nennt Tom Brady sein Erfolgsmittel. Diesem Lebensstil verdanke er, über all die Jahre – mit Ausnahme von einem Kreuzbandriss 2008 – verletzungsfrei geblieben zu sein. Brady sagt, er fühle sich wie dreissig. Wer seine Methoden anzweifelt, dem sagt er: «Messt mich nicht an meinen Worten.»

Roman Zeller, Reporter bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will 😉 Herzlichen Dank!

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