Bild: Roman Zeller.
Bild: Roman Zeller

Sie sind nicht nur körperlich eine Wucht: Im September gewannen Joana Heidrich, 1 Meter 90, aus Kloten, und die Bernerin Anouk Vergé-Dépré (1 Meter 85) die Europameisterschaft im Damen-Beachvolleyball – aufopfernd, athletisch, emotional.

Wenige Wochen später begrüssen sie sich herzlich. Es ist Montagmorgen, als wir die beiden Profisportlerinnen in einem Berner Co-Working-Café treffen. Vergé-Dépré kehrte am Vortag aus Kreta zurück, aus ihren Ferien. Ihrer Teampartnerin schenkt sie Blumen. Heidrich feierte soeben ihren 29. Geburtstag. Auch sie verreise, wie sie sagt. Ebenfalls nach Kreta, um sich von der Saison zu erholen.

Weltwoche: Frau Heidrich, Frau Vergé-Dépré, herzliche Gratulation zum Europameistertitel. Was braucht es, um im Beachvolleyball erfolgreich zu sein?

Vergé-Dépré: Sicher die technischen Fähigkeiten mit dem Ball, das ist die Basis. Dann eine gute Grundphysis, um die Leistung zu erreichen – Springen im Sand ist anstrengend. Hinzu kommt eine grosse mentale Komponente.

Weltwoche: Was unterscheidet eine sehr gute von einer guten Spielerin?

Heidrich: Es braucht Talent und einen athletischen Körper. Wer nicht hart arbeitet, hat es schwer. Man muss parat sein, auch im Kopf, weil man nicht ausgewechselt werden kann. Wer sich nicht gut fühlt, ein Wehwehchen hat, muss für sich, für das Team eine Lösung finden.

Weltwoche: Wie charakterisieren Sie sich als Spielerinnen?

Vergé-Dépré: Wir sind athletisch, beide gross. Das hilft extrem. Wir sind emotional und können uns in einen Rausch spielen, das ist unsere Stärke. Mühe haben wir, wenn wir uns physisch nicht mehr so gut fühlen. Dies mental zu kompensieren, den Kopf zusammenzuhalten, ist schwer.

Weltwoche: Sie sind emotional, ballen nach Punktgewinnen Ihre Fäuste. Ist das psychologische Kriegsführung?

Heidrich: Ja. Es gibt Spielerinnen, die das weniger zelebrieren. Aber in unserem Sport zeigt man dem Gegner generell: «Hey, das war ein geiler Punkt.»

Weltwoche: Merken Sie, wenn ein Gegner mental schwächelt?

Heidrich: Absolut. Ganz selten kann man es überspielen. Wir haben ein gutes Feeling, welche Teams wieso, wann und wie reagieren. Manche brechen früher ein, andere später. Man erkennt das an der Mimik, der Gestik und den Entscheidungen.

Vergé-Dépré: Und wenn man merkt, dass eine Gegnerin schwächelt, geht man voll drauf und spielt nur noch auf die Schwache. Wenn es einem selber passiert, muss man das im Team und auch persönlich aushalten können.

Weltwoche: Wer von Ihnen bricht schneller ein?

Heidrich: Ich bin jemand, der stark mit dem Körper redet, energetisch ist und immer voll reingeht. Ich zeige, dass ich da bin. Ich arbeite daran, in schwierigen Momenten nicht zu verraten, wie ich mich fühle.

Weltwoche: Wie ist das Verhältnis zwischen Fleiss und Talent?

Heidrich: Man braucht sicher Talent, irgendwann reicht es aber nicht mehr aus. Ich zum Beispiel bin nicht die Talentierteste und kompensiere das mit meiner Grösse, meiner guten Physis. Wer an die Weltspitze will, muss hart arbeiten und den Fleiss einschalten.

Weltwoche: Die Körpergrösse ist gottgegeben, und ohne ein gewisses Mass geht es nicht?

Vergé-Dépré: Es gibt auch kleine Spieler, die springen extrem hoch, haben eine super Physis und wissen immer, was sie wann spielen müssen.

Weltwoche: Waren Sie schon immer grösser als andere, auch als Kinder und Jugendliche?

Heidrich: Ich war immer gross.

Vergé-Dépré: Ich entwickelte mich später und wuchs vielleicht mit siebzehn, achtzehn Jahren, dann aber sehr stark. Vorher war ich ein Strich in der Landschaft.

Weltwoche: Heute spielen Sie Beachvolleyball, seit 2017 sind Sie ein Duo. Wie haben Sie sich gefunden?

Vergé-Dépré: Die Szene ist nicht gross, es kennen sich alle. Wir trainierten zusammen und spielten oft gegeneinander. Für uns war klar, wir sehen mit der anderen am meisten Potenzial. Wir hatten beide die gleichen Ziele.

Weltwoche: Wer ist auf dem Platz der Chef?

Vergé-Dépré: Schwer zu sagen. Bis 2016 spielten wir mit älteren Spielerinnen. Wir waren jung, emotional und unbeschwert. Als wir zusammen begannen, mussten wir lernen, Ruhe reinzubringen. Dafür waren vorher unsere Partnerinnen zuständig. Bei uns übernimmt in gewissen Situationen jemand das Zepter, wir wechseln auch. Vielleicht führe ich ein bisschen mehr.

Weltwoche: Es gibt Duos, die funktionieren als Team, andere weniger. Wie harmonieren Sie?

Vergé-Dépré: Wir sind beides starke Charaktere, und es kommt vor, dass wir nicht gleicher Meinung sind. Heute sind wir harmonischer als früher, weil wir unsere Emotionen besser steuern. Wir wissen, wie kommunizieren, um die Leistung auf dem Feld zu bringen.

Weltwoche: Ohne Reibung kein Erfolg – sprechen Sie Fehler knallhart an?

Vergé-Dépré: Das fällt uns relativ leicht. (Lacht)

Heidrich: Wir wollen unbedingt gewinnen, manchmal sogar zu fest. Wir sind offen und direkt. Wir fahren einen guten Mittelweg zwischen Harmonie und Konfrontation.

Weltwoche: Früher flogen die Fetzen?

Vergé-Dépré: Wenn man nicht bereit ist, etwas Unangenehmes anzusprechen, kommt man nicht weiter. Das ist nicht nur im Sport so, sondern auch im Leben.

Weltwoche: Wie verstehen Sie sich privat?

Heidrich: Eigentlich sehr gut.

Weltwoche: Frau Vergé-Dépré, was schätzen Sie an Ihrer Partnerin?

Vergé-Dépré: Dass sie ehrlich ist. Ich bin ein direkter Mensch, und ich komme mit jemandem besser klar, der sagt, was er denkt. Wir haben Auseinandersetzungen, die unsere Freundschaft nicht beeinflussen. Das finde ich schön.

Weltwoche: Sie sind also befreundet?

Vergé-Dépré: Ja. Aber wir sind nicht best friends. Beachvolleyball ist unser Beruf. Wir haben eine gute Arbeitsbeziehung. Wir verbringen nicht unsere Freizeit zusammen.›››

Heidrich: Genau. Wir sind an ungefähr 300 Tagen im Jahr miteinander unterwegs. Wir haben ja auch unser Privatleben. Wir sind uns einig, dass wir den eigenen Freundeskreis pflegen, wenn wir frei haben.

Weltwoche: Wie beeinflussen Sie einander gegenseitig im Privatleben?

Heidrich: Nur wenn es einen Einfluss auf unser Team und die sportliche Leistung haben könnte. Dann gilt: Offenheit – sagen, was ist.

Weltwoche: Was, wenn jemand plötzlich schwanger wird?

Vergé-Dépré: Alles, was den Sport betrifft, betrifft die andere Person, und darüber müssen wir reden. Ein solches Team ist ein Commitment. Wir haben einen gemeinsamen Plan, den möchten wir zusammen umsetzen.

Heidrich: Abgesehen von der Schwangerschaft: Wir sind ein Zweierteam und müssen uns absolut aufeinander verlassen können. Wie Anouk sagte, wir haben einen Plan. Sololäufe liegen da nicht drin und müssen fairerweise zuerst besprochen werden.

Weltwoche: Beachvolleyball ist Lifestyle – viel Sonne, Strand und Partymusik. Erzählen Sie von Ihrem Alltag, wie sieht er aus?

Vergé-Dépré: Im Winter haben wir Aufbau, wir arbeiten physisch und technisch und sehr viel – viel mehr als im Sommer, wenn wir an Turnieren sind. Wir legen Wert auf Ernährung, Schlaf und Regeneration. Am Wochenende haben wir auch mal frei, was im Sommer während der Saison praktisch nie der Fall ist.

Heidrich: Spitzensport heisst hartes Training und volle Konzentration. Wir gehen nicht in den Sand und bällelen ein bisschen.

Vergé-Dépré: Im Frühling haben wir Trainingslager mit anderen Nationen, kompetitiv und näher am Spiel. Im Sommer gehen wir dann auf Tour.

Weltwoche: Wenn Sie in die Badi gehen, sehen Sie sicher Leute, die Beachvolleyball spielen. Was ist der schlimmste Fehler, den Sie beobachten?

Heidrich: Ich beobachte das gar nicht. Ich bin dann weit weg vom Beachvolleyball. Auch in den Ferien, wenn ich Leute am Strand spielen sehe.

Vergé-Dépré: Das ist bei mir ähnlich. Ich geniesse meine freie Zeit, um anderen Aktivitäten nachzugehen. In meinen letzten Ferien nahm ich Tennisstunden. (Lacht)

Heidrich: Ich weiss gar nicht, wann ich in den Ferien das letzte Mal einen Ball berührt habe.

Weltwoche: Zu Ihrer Arbeitskleidung: Seit 2012 dürfen Sie – statt nur Bikinis – Shorts und Tops, bei schlechtem Wetter sogar Leggings tragen. Wie spielen Sie am liebsten?

Vergé-Dépré: Im Bikini – und bei schönem Wetter. Dann ist es zu heiss für lange Kleider. Und: Wir sind uns das gewöhnt. Es ist sicher ein sexy Sport, er kommt aber vom Strand, das gehört zur Geschichte. Wir haben absolut kein Problem damit. Irgendwie vermittelt das doch auch die Message: Hey, jeder Körper ist okay.

Heidrich: Was ich schade finde, ist, dass Beachvolleyballerinnen noch immer sexistisch angeschaut werden.

Weltwoche: Wie denken Sie über den Voyeurismus, wenn die Kameras Ihre Hintern ins Bild zoomen, während Sie der Partnerin mit den Fingern taktische Zeichen geben?

Vergé-Dépré: Der Sport bietet doch so viel mehr. Ich meine, in der Leichtathletik haben sie auch nicht viel mehr an oder beim Schwimmen. Ich weiss nicht, warum das bei uns ein so grosses Thema ist und bei anderen Sportarten nicht.

Weltwoche: Im Vergleich zu anderen Sportarten: Wie lukrativ ist Beachvolleyball?

Vergé-Dépré: Wir können davon leben. In der Schweiz sind es sehr wenige Teams, die dieses Glück haben, international vielleicht die ersten zwanzig.

Heidrich: Wir beklagen uns nicht. Wir sind sehr dankbar.

Weltwoche: Sie wuchsen beide mittelständisch auf. Frau Vergé-Dépré, was war in Ihrer Kindheit wichtig?

Vergé-Dépré: Mein Vater kommt aus Guadeloupe, meine Mutter ist Schweizerin. Ich wuchs weltoffen auf, hatte immer einen Gwunder für die Welt. Das hat mich geprägt. Ich reise gerne und liebe Begegnungen. Mein Vater war Hallenvolleyballtrainer, meine Mutter spielte auch, über sie lernte ich den Sport kennen. Ich ging viel mit, war Ball-Kid und musste Bälle zusammensammeln.

Weltwoche: Frau Heidrich, wie kam der Sport in Ihr Leben?

Heidrich: Durch meine Nachbarin. Sie sah, dass ich gross bin und dass ich mich einigermassen gut bewegte. Wegen ihr ging ich ins Volleyball. Mit Olympia 2004, als Heuscher/Kobel Bronze gewannen, war für mich klar, dass ich zum Beachvolleyball wechseln wollte.

Weltwoche: Sie bereisen die Traumstrände dieser Welt. Haben Sie einen Sehnsuchtsort?

Vergé-Dépré: Ich fühle mich wohl in der Schweiz, mir gefällt das stabile und geregelte Leben. Ich komme gerne zurück, obwohl ich mich am Meer wohlfühle. Das fehlt mir in der Schweiz, Strände wie in Guadeloupe, meiner Insel.

Heidrich: Ich fühle mich hier auch wohl. Nur das Klima und das Strandfeeling vermisse ich. Ich würde nicht auswandern, auch nicht nach Brasilien, wo meine Lieblingsstrände sind, Copacabana und Ipanema.

Weltwoche: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Vergé-Dépré: Eine Medaille an einem Grossanlass haben wir erreicht. Aber es geht weiter: Weltmeisterschaft, Olympia – ich glaube, das sind Ziele, die wir offen aussprechen dürfen. Privat möchte ich eine Familie gründen, irgendwann, das pressiert nicht.

Heidrich: Ich schliesse mich an. Später möchte ich sicher eine Familie.

Roman Zeller, Reporter bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will 😉 Herzlichen Dank!

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