Veröffentlicht in „Die Weltwoche“, 9. Juli 2020

Nervös tippelt er auf und ab. In der Hand hält er seinen Znüni, ein Stück Brownie. Es ist neun Uhr. Joel Wicki hat eben ein Krafttraining absolviert. Wir treffen uns in Willisau, knapp eine Fahrstunde von Sörenberg entfernt, wo Wicki aufgewachsen ist. Er trägt ein T-Shirt, sein Haar ist kaum trocken, und die Hosen reichen knapp bis zu den aufgepumpten Waden.

«Hauptsache, wir machen vorwärts», sagt der Schwing-Shootingstar. Gelassen wirkt er nicht gerade, obwohl keine Schwingfeste anstehen. In der Corona-Zeit sind nur Trainings erlaubt, keine Wettkämpfe. Ob in dieser Saison überhaupt Feste stattfinden, ist ungewiss.

Im Ring ist Wicki der Kurz eigen, der schnelle, kräftige Zug, mit dem er die Gegner überrascht. Ebenso temporeich verlief seine Karriere: 44 Kränze, dazu 11 Kranzfeste gewann der erst 23-jährige Innerschweizer, bis ihn die Pandemie stoppte.

Immerhin, so Wicki, habe er jetzt Zeit für anderes, den Beruf, die Familie, Kollegen – und für seine Freundin, mit der er seit vier Jahren zusammen sei und der er, wie er sagt, versprochen habe, pünktlich zum Mittagessen zu erscheinen. Deshalb die anfängliche Eile, von der er sich während des Gesprächs löst.

Herr Wicki, Sie sind einer der zurzeit besten Schwinger, ein ganz Böser, wie man das in Ihrem Sport nennt. Gibt es etwas, wovor Sie sich fürchten?

Öhm . . .

Vielleicht Ihre Freundin, wenn Sie zu spät zum Zmittag kommen?

(Lacht) Nein, nein. Vor Menschen habe ich keine Angst. Es gibt Situationen, wo man keinen Ärger, kein Theater will. Ich versuche dann, einen Mittelweg zu finden, so dass es für alle passt.

Sonst keine Ängste? Nichts?

Gut, Schlangen müsste ich nicht unbedingt haben. (Lacht)

Wie wurden Sie zum furchtlosen Schwinger, der Sie heute sind?

Ich habe schon, als ich anfing, mit fünf, sechs Jahren, entweder etwas richtig oder gar nicht gemacht. Ich bin immer drangeblieben, bis es klappte. Ich lernte, mit Druck umzugehen, weil ich schon bei den Buben ziemlich gut war. Ich war immer Favorit und wusste, ich muss mental stark sein, um zu gewinnen.

Wann haben Sie sich entschieden, aufs Schwingen zu setzen?

Das war ein fliessender Prozess. Ich ging in jedes Training, machte immer mehr als andere. Mit vierzehn, fünfzehn wusste ich, wenn ich noch einen Zacken zulege, dann schaffe ich den Übergang von den Junioren zu den Aktiven – trotz Lehre, Hausaufgaben, diesem und jenem nebenbei. Damals war ich immer unterwegs. Kollegen sagten: «Gopf, ich bewundere dich» – in dem Alter hätten sie das nie so durchgezogen. Sie gingen lieber in den Ausgang.

Fiel es Ihnen schwer, zu verzichten?

Wissen Sie, man kann nicht alles haben. Ich sage immer, die Zeit für Sport ist kurz. Das geht jetzt vielleicht noch zehn Jahre, und dann hast du’s gesehen.

Faszination Schwingen: Was ist das bei Ihnen?

Schon der Kampf: Mann gegen Mann. Es ist aber kein Rivalen-, eher ein freundschaftlicher Kameradenkampf. Fairness ist das Wichtigste. Dass es die Nationalsportart ist und nicht auf der ganzen Welt nachgemacht wird, ist auch cool. Ich muss nicht um die halbe Welt reisen. Schwingen ist hier, und es ist etwas Spezielles.

Hatten Sie Vorbilder?

Als Kleiner? Kennen Sie den leider viel zu früh verstorbenen Studer Benno oder den Banz Ueli? Diese waren Idole bei uns im Klub. Das waren durchtrainierte Athleten, zu ihnen haben wir hochgeschaut. Bei ihnen gab’s kein «Jaja, Fünfter, Sechster, passt schon». Sie wollten gewinnen. Immer.

Sie bewunderten Lokalhelden anstatt die ganz Grossen? Abderhalden Jörg zum Beispiel, den dreifachen Schwingerkönig.

Zu ihnen haben wir auch aufgeschaut: Abderhalden, Grab Martin. Ich weiss noch, wie ich diese Stars an meinem ersten Eidgenössischen als Zuschauer sah. Ich dachte: Wow, die sind brutal parat. Aber verfolgt haben wir sie wenig. Wir orientierten uns an dem, was wir vor Augen hatten.

Selber gekämpft haben Sie am Eidgenössischen in Burgdorf. Mit sechzehn Jahren waren Sie der Jüngste. Mit siebzehn bodigten Sie erstmals einen Schwingerkönig. Wie war es, plötzlich bekannt zu sein?

Dadurch, dass ich bei den Jungen ziemlich gut war, hat man mich im Entlebuch schon früh gekannt.

Das Entlebuch ist Schwing-fanatisch: Haben Sie hier Groupies?

(Lacht) Das nicht gerade. Das interessiert mich auch nicht: Ich habe eine tolle Freundin. Aber viele Leute kommen und wollen mit mir reden. Extrem ist es, wenn ich am Abend weggehe. Dann wollen alle ein Foto. Dafür muss man der Typ sein, cool bleiben. Aber: Da kommt man rein. Erst als die Sache mit den Medien kam, dachte ich: Das ist speziell, will ich das?

Sie scheinen nicht der Typ, der sich wohl fühlt vor blitzenden Kameras.

Nein, so Sachen sind speziell. Ein Stück weit muss man es aber machen, auch für den Sport.

Und finanziell.

Jaja, das ist schon so. Aber ich sage immer, ich schwinge nicht fürs Geld, sondern aus Freude. Ich arbeite ja nebenbei, auch wenn ich vom Sport leben könnte.

Wie viel verdient ein Schwinger?

Millionen sind es nicht, das ist nicht unser Ding. Wir leben mittelständisch, bescheiden. Wir bekommen, was wir uns erarbeiten – sei es im Training, im Wettkampf oder im Beruf.

Würde das Preisgeld zum Leben reichen?

Nie. Christian Stucki, der Schwingerkönig, verdiente mit seinem Sieg am Eidgenössischen 30 000 Franken – ein rechter Lohn für zwei Tage Wettkampf. Was dahintersteckt, sieht man nicht: die vielen Schwingkeller-Besuche, Massagen, die Fahrten ins Training, das Essen . . . Wir sind oft viel von zu Hause weg.

Am Eidgenössischen in Zug unterlagen Sie Stucki im Schlussgang. Erinnern Sie sich an Ihre Gefühlslage, bevor Sie seine Hose griffen? Er ist ein 1,98-Meter-Hüne, fast 150 Kilo schwer.

Ou, schwierig. In dem Moment bist du im Tunnel. Du denkst: Jetzt gehe ich da rein und zerre, reisse, was immer geht.

Rein physisch, wäre ein Sieg möglich gewesen? Sie sind viel kleiner und leichter.

Klar! Auch Stucki hat eine Lücke. Jeder hat sie, jeder kann verlieren. Meine Taktik war, ihn zu bearbeiten, abzuwarten, bis er müde wird und angeschlagen ist. Dann wollte ich angreifen, voll ziehen, bis ich ihn habe.

Als Sie auf dem Rücken lagen, jubelte die Berner Fankurve. Ähnlich euphorisiert sprangen bei Ihren Siegen davor Tausende Innerschweizer von ihren Sitzen. Ein Stadion in Ekstase versetzen, wie fühlt sich das an?

Heikel. Denn es ist sehr schwierig, nicht mitzugehen, nicht aufzuspringen und mitzujubeln. Es gibt Leute, die schauen nur auf das.

Weil es als unsportlich gilt?

Genau. Beim Unspunnenfest 2017 überkam es mich, ich hatte Freude, weil ich einen Kampf gewonnen hatte. Ich war zwanzig, und ich meinte es nicht böse. Ich bekam ein paar schlimme E-Mails und Briefe, die mich schon trafen. Seither nehme ich mich zurück, putze dem Kameraden den Rücken ab. Erst dann freue ich mich.

Was machen Sie ausserhalb des Sägemehls? Wie schalten Sie ab?

Mit meinem Beruf als Baumaschinenmech. Mit Privatem: meiner Freundin, meiner Familie, Kollegen. Ich jage, geh’ mit dem Vater fischen, der Bruder kommt auch viel mit.

Was für Musik hören Sie?

Ein bisschen alles, viel Ländler.

Lesen Sie Bücher?

Nicht so. Ich habe keine Zeit, um Bücher zu lesen.

Filme?

Ich schau’ Netflix.

Welche Serie?

Die über Michael Jordan habe ich gut gefunden. Seine Art ist fast wie meine und die von Dani Hüsler, meinem Trainer.

Jordan sagt, er ordne alles dem Gewinnen unter.

So ist es. Als ich ihn trainieren sah, wie ehrgeizig er ist, musste ich sagen: «Gopferdelli, der Cheib hat recht! So möchte ich auch trainieren.» Er gab immer Vollgas, pushte jeden einzelnen Mitspieler.

Erzählen Sie von Ihren Trainings.

Um mit den Besten mitschwingen zu können, musst du immer ans Limit, in jedem Training. Es gibt Übungen, wenn ich da den Kopf nicht bei der Sache habe, ist mein Knie oder mein Rücken kaputt, die Schulter draussen – das ist so viel Gewicht. Selber merkt man das gar nicht, weil der Kopf immer sagt: Jaja, das geht schon. Wenn ich um sechs Uhr beginne, kommt es vor, dass ich zu schnell zu viel will. Mein Trainer sieht das und schraubt dann mit den Gewichten runter. Er muss mich bremsen, ich würde das selber nie zugeben.

Können Sie den perfekten Schwinger beschreiben?

Kameradschaftlich, fair, korrekt, diszipliniert. Mein Trainer Daniel Hüsler ist mir auch in diesen Punkten ein grosses Vorbild.

Und körperlich?

Darauf kommt es nicht an. Die inneren Werte, der Wille zählen. Das Sportliche ergibt sich.

Welches Klischee über Ihren Sport stört Sie am meisten?

«Konservativ» – ich glaube, das sind wir nicht. Wir sind für alle da und sehr offen.

Christoph Blocher sagte einst: «Das Eidgenössische ist für die Konservativen, was der 1. Mai für die Linken ist.»

Der Sport ist ein bisschen urchig, aber so ist er halt entstanden. Wir sind, wie wir sind. Mit uns kann man sich austauschen, wir sagen einander «Sali». Ich würde doch nicht vorbeilaufen und nichts sagen. Das ist bei uns unanständig.

Gibt es linke Schwinger?

Ou, das wüsste ich gar nicht. Ich glaube, wenn ja, werden sie toleriert.

Im Frühjahr outete sich Curdin Orlik als erster Homosexueller im Schweizer Spitzensport. Ausgerechnet ein Schwinger. Wie wurde das unter den Athleten aufgenommen?

Im ersten Moment hat man darüber gesprochen, bei einem Kaffee vielleicht. Orlik wurde aber nie ins Böse gezogen. Das ist gut so. Man darf jemanden nicht noch mehr plagen, wenn es für ihn stimmt.

Warum plagen?

Für ihn war das Outing sicher eine Qual. Ein Geheimnis so lange zu hüten, muss schlimm sein.

Am Eidgenössischen haben Sie gegen ihn geschwungen. Würden Sie ihn heute anders anpacken?

Überhaupt nicht. Er schwingt ja immer noch gleich, und er schwingt sehr gut. Ich glaube, das hat alles keinen Einfluss auf den Sport. Uns Schwingern ist das egal.

Schwing-Hype: Wie beurteilen Sie das?

Schwingen geht gerade mit der Zeit, und wir müssen aufpassen, nicht unsere Wurzeln zu verlieren. Schwingen muss der urchige Nationalsport bleiben. Am Eidgenössischen darf nicht irgendein Pop-Hit von einem Weltstar laufen. Das wäre falsch.

Die gigantischen Spiele von Zug waren eher ein Schritt in diese Richtung.

Die Begeisterung ist riesengross. Mir kommt es vor, wie wenn eine Kleidermarke neu rauskommt: Alle haben Freude und tragen sie, weil sie gerade in ist. Das kommt und geht.

Wie denken Sie über Ihre Heimat, die Schweiz?

Ein sehr vielfältiges Land, mit tollen Leuten, die begeistert sind von dem, was sie hier in der Schweiz erleben dürfen. Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen.

Finden Sie, der Schwingsport verkörpert die moderne Schweiz?

Absolut. Bodenständig, urchig, fair, kameradschaftlich, und: neutral.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Ich will sicher Kinder, irgendwann. Im Sommer beginne ich mit der Buureschuel. Es wäre ein Traum von mir, im Entlebuch einen Bauernhof zu haben. Priorität hat aber jetzt der Sport.

Roman Zeller, Reporter bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will 😉 Herzlichen Dank!

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