@kipchogeeliud

In Berlin wird der Marathonweltrekord geknackt. Ich war’s allerdings nicht.

Sonntagmorgen, 9.00 Uhr. Ich reihe mich am Berlin-Marathon ein. Der Wettkampfarzt informiert, man solle «viel und regelmässig trinken». Der Animator am Mikrofon heizt ein. Wir, über 44 000 Laufbegeisterte, klatschen im Takt. Kurz nach 9.10 Uhr: Drei drahtige Afrikaner stehen aufgereiht an der Startlinie. «Jetzt, der Titelverteidiger und amtierende Olympiasieger», brüllt der Speaker: «Eliud Kipchoge!» Wir klatschen begeistert, als wüssten wir, dass der Kenianer vor uns die weltschnellsten Marathonschuhe der Geschichte trägt.

9.15 Uhr, Startschuss. Auf der Grossleinwand sehe ich, wie Kipchoge davonzieht. Wir, die anrollende Masse dahinter, wirken vergleichsweise behäbig, ohne Lücken, Schulter an Schulter. Vorne spielt die Musik, die Spitzenläufer fressen Kilometer um Kilometer. Vor allem einer: Eliud Kipchoge. Sein explosiver Start mündet in einen konstanten Sprint. Den Halbmarathon, grob 21 Kilometer, absolviert er in 1:01:06; ich, Hobbysportler, bin fast vierzig Minuten langsamer. In der zweiten Rennhälfte erhöht Kipchoge leichtfüssig die Kadenz, ich nicht. Im Ziel, nach 42,195 Kilometern, waren es für Kip- choge durchschnittlich 2 Minuten 52 Sekunden pro Kilometer – Normalsterbliche vermögen diesem Tempo nicht ansatzweise zu folgen.

Irgendwann, um Kilometer dreissig, ich ersehne gequält das Ziel, verkündet ein Helfer per Megafon: «Neuer Weltrekord!» Ob Kipchoge und in welcher Zeit, das war bei diesem Streckenabschnitt nicht mein Hauptproblem. Auf meinen Schlusskilometern höre ich, von Krämpfen geplagt, Lautsprecher: «Der Olympiasieger unterbietet erstmals 2:02:00.» Zu diesem Zeitpunkt, über dreieinhalb Stunden nach dem Start, ist Kipchoge wohl bereits frisch ge- duscht, massiert, nimmt Gratulationen für sei- nen historischen Weltrekord von 02:01:39 entgegen. Oder er plant bereits, wie und wann er die magische Zwei-Stunden-Marke unterbieten kann. «Geschichte schreiben» sei ja sein Ziel. Das hat er fürs Erste erreicht.

Roman Zeller, Volontär bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will!

Artikel veröffentlicht durch die Weltwoche.

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