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📷 Instagram

Der Schweizer Jeremy Seewer gehört zu den besten Motocross-Fahrern der Welt. Sein Aufstieg verlief kontinuierlich und könnte im März mit dem Weltmeistertitel gekrönt werden. Nur etwas würde ihm fehlen.

Von seinem Destinationen-Hoppen berichtet er, Jeremy Seewer, 24, in routinierter Abgeklärtheit. Er nennt es «Normalität», dass er Weihnachten bei seiner Familie zu Hause in Bülach gefeiert hat und danach drei Skitage anhängen und mit Andri Ragettli, Freestyle-Skifahrer und Youtube-Star, für ein Foto posieren konnte. Sofort sei er weitergejettet: Seit dem 3. Januar trainiert Seewer in Sardinien, Italien, bei perfektem Wetter und mit optimalen Trainingsmöglichkeiten. «Dort passt alles für die Vorbereitung», schwärmt er und denkt dabei an Neuquén im argentinischen Patagonien, sein Ziel im kommenden März, wo die MXGP-WM, die Weltmeisterschaft der höchsten Motocross-Klasse, stattfindet. Seewer wird als Titelkandidat gehandelt.

Jeremy Seewer ist kein – wie er sich zwar selber bezeichnet – «normaler» 24-Jähriger. Sein Beruf ist zu aussergewöhnlich, extrem risikoreich und hierzulande eigentlich unmöglich zu praktizieren. Benötigt werden abgesperrte und präparierte Offroad-Pisten, also Rennstrecken abseits der geteerten Strassen. Aufgeschichtete Dreckhügel zwingen dort die maximal vierzig Rennfahrer bei Motocross- Wettkämpfen zu waghalsigen Sprüngen. «Es gab Situationen, da ist es richtig knapp geworden – das gehört aber irgendwie dazu», sagt Seewer. Ausser einem gebrochenen Schlüsselbein und einigen wenigen Hirnerschütterungen sei ihm noch nichts Gröberes widerfahren. Wer den Parcours über Stock und Stein am schnellsten passiert, gewinnt das Rennen.
«In der Deutschschweiz gibt es null Trainingsmöglichkeiten für Motocross-Fahrer», sagt Seewer. Er trainiere daher sehr viel in Lommel, Belgien, einem «Motocross-Mekka», wo alle Teams stationiert seien, lautet seine Begründung. Er malt im Gespräch eine Welt von, «wenn überhaupt», hundert professionellen Motocross-Fahrern, die sich ihren Lebensunterhalt auf diese Weise erfahren können, und er sei froh, dazuzugehören. Sportler wie er, so Jeremy Seewer. Er selbst sei, überspitzt gesagt, «mit dem Töff auf die Welt» gekommen. Er habe anfänglich Respekt gegenüber dem Gefährt gehabt und nicht so recht gewusst, ob das gut komme. Nach kurzer Zeit im Sattel habe ihn aber niemand mehr runtergekriegt – ihn als Sechsjährigen.

Seewers zweirädrige Fortbewegung änderte sich auch während der Schulzeit nicht. Er sei ständig rollend unterwegs gewesen, sagt er. Es sei schon auch der Motor gewesen, der Benzingeruch, das Aufheulen beim Gasgeben, das seine Emotionen geweckt habe. Aber vor allem habe er schon immer eine Faszination für zwei Räder gehabt. «Ich bin immer mit dem Motocross-Töff, dem Velo oder Trottinett gefahren.» Seine gesamte Freizeit habe sich um den Traum, Motocross-Fahrer zu werden, gedreht. Jede freie Minute habe er auf irgendeine Art in den Sport investiert. Und so verwundert es nicht, dass er mit vierzehn Jahren ein «Töfflibueb» gewesen sein. Seine zwei Mopeds seien zwar «leider nur dreissig» gefahren und nicht frisiert gewesen. Trotzdem sei er stolz darauf gewesen, und zu werken gab es ständig eine Menge. «Ich habe die Dinger mehrmals komplett auseinander- und wieder zusammengeschraubt.»

Fliessend ins Profigeschäft

Einen «Tag X», der seine Profikarriere lancierte, könne er nicht ausmachen: «Das geschah fliessend.» Er habe einfach Spass am Töfffahren gehabt und sei nebenbei stets zur Schule gegangen – wie halt alle anderen auch. In den Jahren 2005 und 2007, wo er die Schweizer Meisterschaft der Junioren gewann, sei er dann von seinem jetzigen Manager, Denis Birrer, entdeckt worden, der fortan die Fäden zog und das Sponsoring oder auch die Budgetberechnung übernommen habe. Es sei der Zeitpunkt gewesen, zu dem sich Seewers Denkweise sowie sein Umfeld professionalisiert habe. «Das Hobby wandelte sich Richtung Beruf.» Im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren intensivierte sich der Sport zunehmend, so Seewer: «Ich hatte an diesem Entwicklungspunkt ein paar sehr gute Rennen.» Dann sei plötzlich die Junioren-Europameisterschaft gekommen. «Alles verlief schrittweise, wurde immer grösser und mehr.» In der Schule habe er zuweilen gefehlt, aber trotzdem eine Lehre zum Polymechaniker begonnen und auch durchgezogen. «Das war mir wichtig», sagt er, «ich wusste, dass du in der Schweiz ohne Ausbildung verloren hast.»
Seewers Lehrbetrieb sei ideal gewesen, habe ihn unterstützt und ihm den nötigen Freiraum für den Sport gewährt. Sein Arbeitspensum reduzierte er im letzten Lehrjahr auf 60 Prozent zugunsten des Motocross. «Dafür musste ich aber meine Leistung bei der Arbeit und in der Schule bringen», sagt er, «und meine Noten stimmten.» Gerade dann, 2014, wurde er vom Ausrüster Suzuki entdeckt und nennt sich seither Profi-Motocross-Fahrer. Seit Anfang 2019 ist er bei Yamaha unter Vertrag.

Aufstieg in die Königsklasse

Seewers beste Resultate waren die beiden Vizeweltmeistertitel 2016 und 2017 in der zweithöchsten Motocross-Kategorie. Nach seinem letztjährigen Wechsel in die Königsklasse fuhr Seewer auf den achten Schlussrang im Gesamtklassement, wofür er den Titel «Bester Rookie», weltbester Neuling, einheimste. Natürlich sei dafür das Talent elementar, «das muss jeder mitbringen», sagt Seewer. Was aber über Sieg oder Niederlage entscheide, sei der Wille und das harte Training. Er arbeite jeden Tag für den Erfolg, gehe joggen, ins Fitnessstudio oder Velo fahren – wilde Partynächte, wie sie seine Altersgenossen erleben, liegen nicht drin.

«Taten auf der Strecke»

Seewers Karriere verlief bisher schnurgerade an die Weltspitze. In Indonesien etwa hätten ihn Fans in Scharen umschwärmt, sagt er. Wer in ihm aber einen coolen Rockstar sieht, wie der einstige Schriftzug auf seiner Baseballmütze lautete, wird enttäuscht – «das war vielleicht früher so». Er selber würde sich als «braven Jungen» bezeichnen. Grosse Sprüche seien seine Sache nicht. Viel lieber will er «Taten auf der Strecke» folgen lassen. Und das bereits im März bei der Weltmeisterschaft in Argentinien. Wenn es sein müsse, gedulde er sich aber «noch zwei Jahre», höchstens. Seewer wäre der erste Schweizer überhaupt, dem dieser Coup gelänge. Wahrscheinlich auch der erste ohne Töffausweis.

Roman Zeller, Volontär bei der Weltwoche – Gastautor, der auch vom Ruhm der Unsportlichkeit profitieren will!

Artikel veröffentlicht durch die Weltwoche.

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